Modell des stählernen Dachstuhls

Mirko Baum

Im Magnetfeld der Gotik

Nur das, was man schon vergessen hat, ist wirklich neu.

(Mademoiselle Bertin, Modistin der Marie-Antoinette)



Die allgemein verbreitete Annahme, die Baugeschichte stelle einen kontinuierlichen evolutionären Prozess dar, wird durch die Gotik in Frage gestellt, denn sie erscheint um 1150 plötzlich und in ihrer Form vollendet und verschwindet genauso plötzlich 200 Jahre später. Die in diesem Zeitraum fast zeitgleich gebauten Kathedralen lassen uns fragen, woher das künstlerische und handwerkliche Wissen gekommen ist, wer die Abertausenden von Handwerkern in kürzester Zeit ausgebildet hat und warum dieses Wissen nach einer relativ kurzen Zeit wieder verlorenging. Denn, soweit nicht fertiggestellt, verwaisten nach 1300 die Grossbaustellen der Kathedralen und wurden entweder gar nicht mehr oder erst im 19. Jahrhundert, d. h. nach mehr als 600 Jahren wieder belebt.

 

Karl Friedrich Schinkel, Dom hinter Bäumen, um 1810
(Hugo Borger - Hsg., Der Kölner Dom im Jahrhundert seiner Vollendung - Teil 2)

 

Das Interesse an der Gotik war an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert voll durch den Geist der Romantik und die Spaltung der romantischen und klassischen Wahrnehmung geprägt. Einerseits war sie den malerischen Ruinendarstellungen anheimgefallen und wurde ganz im Sinne der Zeit mit der Finsternis des Urwaldes und der keltischen Heiligtümer in Verbindung gebracht, andererseits wurde sie als ein konstruktives Phänomen, das „weder Vorbild noch Nachfolge kennt"S, (1) systematisch untersucht und analysiert. Schon im Jahre 1510 schrieb angeblich Bramante in einer an Papst Julius II. gerichteten Denkschrift über die Architektur der „tedeschi“ folgendes: „Übrigens soll ihre Architektur folgenden Ursprung haben: Sie entstand aus ungefällten Bäumen, deren Äste, zusammengebogen und zusammengebunden, ihre Spitzbögen ergaben.“ (2) Die Autorenschaft Bramantes ist ungesichert. Gesichert hingegen ist, dass die Gotik - der Parlerdynastie und dem Kölner Dom (der französischen Kathedrale auf deutschem Boden) zum Trotz - mit der Architektur der „tedeschi“ kaum etwas zu tun hat, denn ihr Geburtsort ist das Frankreich des 12. Jahrhunderts. Hier endet aber auch schon unser Wissen, denn sowohl die Umstände ihres Ursprungs als auch ihr plötzliches Ende stellen ein bis heute ungelöstes Rätsel dar.

Um die mit der Natur assoziierte Entstehungstheorie, die auf den antiken Text von Vitruv über die Entstehung der Urhütte zurückgeführt werden kann, zu beweisen, hat sich der schottische Naturwissenschaftler James Hall 1792 in seinem Garten eine Konstruktion aus Baumstämmen und Weidenruten bauen lassen und diese in seinem Buch „On the Origin and Principles of Gothic Architecture“ veröffentlicht. (3) Dass es gerade die konstruktiven Grundlagen waren, die am Ende des 18. Jahrhunderts das Interesse der Wissenschaft nach sich gezogen haben, ist sicher kein Zufall. Im Entstehungsjahr des Hallschen Experimentes war die erste eiserne Brücke bereits 13 Jahre alt, die industrielle Revolution befand sich in vollem Gange, und so lässt uns das gotische Gebilde die „ungefällten Bäume“ Bramantes vergessen und macht es uns leicht, uns an deren Stelle gusseiserne Stützen vorzustellen. Überhaupt zeigt die Gotik in ihrem überraschend modernen Verhältnis zwischen Materialmasse und Leistung eine auffällige Verwandtschaft mit den Baumethoden des beginnenden Industriezeitalters, die sich nicht nur mit ihrer spezifischen Formensprache, sondern vor allem in der durchaus modernen Bestrebung nach Entmaterialisierung bemerkbar machen. Das, was die Bauhütten der Gotik dem Stein abgetrotzt haben, ist nun den Ingenieuren unter Verwendung von Gusseisen, Eisen und Stahl mit wesentlich vermindertem Risiko möglich.

 

Kreuzrippengewölbe und Bündelpfeiler: links das geschnürte Vorbild , rechts seine Übersetzung in Stein
(Jan Pieper, Steinerne Bäume und künstliches Astwerk - die gotischen Theorien des James Hall)

 

Die erste eiserne Brücke über den Severn bei Coalbrookdale, nach den Plänen des Architekten Thomas Farnolls Pritchard von dem Schmiedemeister Abraham Darby 1779 gegossen und montiert, steht am Anfang einer atemberaubenden Entwicklung, die sich bald überall mit der Verwendung von neuen Materialien bemerkbar macht. Diese Entwicklung erscheint in ihrer Zeit artfremd und ist mit den Sehgewohnheiten bzw. Stilmerkmalen des ausgehenden Rokoko und des beginnenden Klassizismus kaum messbar. Im Entstehungsjahr der Brücke ist die „Vierzehnheiligenkirche“ von Balthasar Neumann erst sieben Jahre alt, erst acht Jahre später wird in Prag Mozarts „Don Giovanni“ uraufgeführt und die Französische Revolution wird noch 10 Jahre auf sich warten lassen.

 

rechts
Zwei unterschiedliche Ansichten der Brücke in Coalbrookdale: die linke Hälfte zeigt den von Abraham Darby ausgeführten Zustand, die rechte einen Verbesserungsvorschlag Rondelets
(E. Fuchtmann, Stahlbrückenbau)

links
Brücke in Coalbrookdale vor 1800. Stahlstich nach Th. F. Pritchard, 1779
(E. Fuchtmann, Stahlbrückenbau)

 

Die Schlankheit des metallischen Tragwerks verfügt auch dort, wo es vom Formenrepertoire der Neogotik verschont blieb, über einen durchaus „gotischen“ Charakter, der am deutlichsten dort hervortritt, wo er direkt mit dem Tragwerk der „echten“ Gotik konfrontiert wird. Im Falle der Kathedralen waren es in erster Linie Dachstuhlbrände, die diese interessante Gegenüberstellung begünstigt bzw. initiiert haben. Der 1838 nach den Plänen von Emile Martin errichtete gusseiserne Dachstuhl über dem Hauptschiff der Kathedrale von Chartres ist einer der ersten Bauten dieser Art, die davon zeugen, dass das, was der mittelalterliche Mensch als die Darstellung des „himmlischen Jerusalems“ ersann, durchaus in der Lage ist, mit der Leichtigkeit und Grazie einer modernen Konstruktion in einer harmonischen Symbiose zu leben. Natürlich wurden diese Tendenzen nicht nur mit Zustimmung entgegengenommen, insbesondere nachdem mit dem Beginn des Historismus der Streit zwischen den „Hellenikern“ und den „Neogotikern“ ausbrach. So schreibt Arthur Schopenhauer in den Erläuterungen zu seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“: „Im Interesse des guten Geschmacks muss ich wünschen, dass große Geldmittel dem objektiv, d. h. wirklich Guten und Rechten, dem an sich Schönen zugewendet werden, nicht aber dem, dessen Wert bloß auf Ideenassoziation beruht. Wenn ich nun sehe, wie dieses ungläubige Zeitalter die vom gläubigen Mittelalter gelassenen Kirchen so emsig ausbaut, kommt es mir vor, als wolle man das dahingeschiedene Christentum einbalsamieren.“ (4) Dies wurde 1843 geschrieben, ein Jahr nach der Grundsteinlegung zur Vollendung des Kölner Domes.

 

Emile Martin, gusseiserner Dachstuhl der Kathedrale in Chartres, 1838
(Archiv des Verfassers)

 

Auch hier, unter dem Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner (1802-1861), wurde trotz der Widerstände aus 131 der Laien- und Fachöffentlichkeit klar, dass den geänderten ökonomischen Bedingungen und den neuen Voraussetzungen der Produktion Rechnung getragen werden musste. So wurde auch hier 1858 für das Haupt- und Querschiff eine Eisenkonstruktion in Auftrag gegeben, die von dem Ingenieur Richard Voigtel (1829-1902) entworfen worden war. Die von Zwirner vorgelegten Berechnungen, in denen nachgewiesen wurde, dass eine Konstruktion aus Eisen nicht nur brandsicher und leichter, sondern vor allem auch billiger als eine herkömmliche Holzkonstruktion werden würde, mögen stimmen, jedoch war es sicher in erster Linie die Faszination des neuen Materials und der von ihm gebotenen Möglichkeiten, die zur Wahl des Baustoffes führte.

Der Querschnitt zeigt einen Fachwerkbinder aus gewalzten T-Profilen über eine Spannweite von 15 Metern. Die Mitte des Fachwerks ist im Spitzbogen „gotisch“ aufgelöst, und zwischen den Auflagern ist ein Zugeisen gespannt. Die Gesamthöhe des Binders beträgt 20 m und die Dachneigung 73 Grad. Der Binderabstand folgt in Längsrichtung der steinernen Jochung der Schiffe, die Stabilisierung der Binder untereinander erfolgt durch bogenförmige Verstrebungen und durchgehende Diagonalverspannung. Die fast vollkommene Abwesenheit von Gusseisen, das nur in der Vierung als tragende Konstruktion des Dachreiters und in diversem Kleinzubehör verbaut wurde, lässt deutlich auf eine französische Konstruktionsschule schließen. (5)

Die Dachverschalung besteht aus Brettern, die nicht gestoßen, sondern mit einem ca. 5 cm großen Luftspalt voneinander angebracht sind. Die Wetterhaut ist aus Bleiblech ausgeführt, außen mit doppeltem Falz, innen mit aufgelöteten Lappen, die in die Abstände der Dachverschalung gesteckt, umgebogen und von innen vernagelt sind. Es ist interessant zu erfahren, dass die 180 Tonnen schwere Konstruktion eine Dachhaut trägt, die aufgrund der Verwendung von Bleiblech (ursprünglich wurde Zink vorgesehen und wegen ungünstigen Reagierens auf Witterungseinflüsse wieder verworfen) mit 140 Tonnen fast genauso viel wiegt, wie die tragende Konstruktion selbst. Die Verbindung der Binder im Firstbereich mit einem gewalzten Doppel-T-Profil war 1858 eine Neuerung. Dieses Profil wurde erst 10 Jahre zuvor in Frankreich erfunden und auf deutschem Boden zum ersten Mal 1857 in Eschweiler gewalzt. Die Konstruktion hat trotz ihrer Leichtigkeit die Bombenangriffe des zweiten Weltkrieges überstanden und beeindruckt noch heute als eine großartige Ingenieurleistung.

 

rechts
Eiserner Dachstuhl des Kölner Domes
(Hugo Borger - Hsg., Der Kölner Dom im Jahrhundert seiner Vollendung - Teil 2)

links
Eiserner Dachstuhl des Kölner Domes: eine der acht gusseisernen Stützen über der Vierung
(Hugo Borger - Hsg., Der Kölner Dom im Jahrhundert seiner Vollendung - Teil 2)

 

Anfang der 20er Jahre, d. h. bereits in der Blütezeit des Stahlbetons, wurde in Frankreich ein von Henri Deneux (1874-1969) erfundenes Konstruktionssystem aus Stahlbetonfertigteilen zum Patent angemeldet, das in seinem vielfältigen Spektrum von Anwendungsmöglichkeiten (6) auch für die provisorischen Ausbesserungen an den während des ersten Weltkriegs beschädigten historischen Bauten hervorragend geeignet war. Aber nicht nur das Provisorische war die Domäne dieses einfachen Baukastensystems. Nachdem man diese Konstruktion 1920-21 mit Erfolg an dem Dachstuhl der Jakobskirche in Reims erprobt hatte, fasste man den Entschluss, den 1914 infolge von Kriegshandlungen völlig ausgebrannten Dachstuhl der Kathedrale wieder aufzubauen. Die Vorfertigung aller Bauteile, ihr geringes Gewicht und die trockene Ausführung der Verbindungen bei einfacher Montage machten nicht nur teuere Hilfskonstruktionen und schwere Hebetechnik entbehrlich, sondern ermöglichten auch eine extrem kurze Bauzeit von nur zwei Jahren. Die in den Jahren 1925-26 fertiggestellte Konstruktion überspannt 15,3 m und ist 17 m hoch.

 

Zeichnung des Stahlbetondachstuhls der Kathedrale in Reims
(Pavel Janák, Konstrukce a její osudy - H. Deneux, Nový krov reme¹ské katedrály, Styl, Jahrgang VII.(XII.), 1926-1927)

 

Alle Fertigteile mit einem konstanten Querschnitt von 4 x 20 cm und einer Länge von 2 bis 3 m wurden so bemessen, dass sie von ein oder zwei Personen getragen werden konnten. Die Bewährung der Fertigteile besorgten je zwei 12 mm starke Eisen, die im Querschnitt symmetrisch verlegt wurden und daher jede beliebige Drehung des Fertigteils beim Versetzen möglich machten. Die Verbindungen der Fertigteile untereinander 133 erfolgte nach dem Steckprinzip über Langlöcher bzw. Ausklinkungen, den Kraftschluss besorgten mit Öl getränkte Eichenkeile. Diese Verbindung ist nicht nur korrosionsfrei und billig, sondern auch in der Lage, kleine Ungenauigkeiten und Setzungsbewegungen elastisch aufzunehmen. Je nach den statischen Erfordernissen konnten die Fertigteile mehrfach nebeneinander gelegt werden, sodass die Konstruktion einem geschulten Auge über die in ihr herrschenden Kräfte Auskunft gibt. Hierfür muss jedoch der Betrachter in den normalerweise nicht zugänglichen Dachstuhl steigen, denn dieser Triumph des Geistes über die Materie entfaltet sich im Verborgenen. (7) Ganz anders im Falle eines durch den Verfasser entworfenen „gotischen“ Dachstuhls, wenn auch nur auf einem Bau von weit geringerer Prominenz.

 

Links die Übersicht der Vorfertigung des Stahlbetondachstuhls der Kathedrale in Reims, rechts zwei Aufnahmen des Innenraumes
(Pavel Janák, Konstrukce a její osudy - H. Deneux, Nový krov reme¹ské katedrály, Styl, Jahrgang VII.(XII.), 1926-1927)

 

Die 1270 eingeweihte Frankfurter Karmeliterkirche ist ein schlichtes einschiffiges Bauwerk, das sich bis 1500 nach und nach in mehreren Etappen (mit Verlängerungen des Langschiffes, dem Hinzufügen eines Querhauses sowie einiger Seitenkapellen) zu seiner heutigen Form entwickelte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde sie säkularisiert und fristete ihr trauriges Dasein als Warenlager und Kaserne, bis sie dann nach der Restaurierung 1933-34 im Bombenhagel des vorletzten Kriegsjahres zerstört wurde. (8) Als sie 1979 nach einem durch den Architekten Josef Paul Kleihues gewonnenen Architektenwettbewerb in das Konzept des neuen Museums für Vor- und Frühgeschichte integriert werden sollte, (9) war sie die letzte Kriegsruine Frankfurts. Das aus dem 15. Jahrhundert stammende Netzgewölbe war nach der Zerstörung nur über dem Chorschiff und der Seitenkapelle intakt, die Einwölbung des Querhauses befand sich in einem baufälligen, jedoch reparablen Zustand. Vom Langschiff waren nur die Außenwände vorhanden, die 15 m hoch, dafür aber recht unstabil in einem bis unter die Fundamente reichenden Bestattungsfeld von rund 1200 Gräbern standen.

 

Karmeliterkirche in Frankfurt/M: rechts Modell des Netzgewölbes, links Modell des stählernen Dachstuhls
(Archiv des Verfassers)

 

Anfangs wurden zwei Möglichkeiten der Überdachung parallel untersucht: erstens die vom Bauherrn unterstützte Wiederherstellung des historischen Zustandes, zweitens eine Überdachung mit einer Stahlkonstruktion, die wiederum Wunsch des Architekten war. Da die Außenwände des Langschiffes nicht mit einer Gewölbeschubkraft belastet werden konnten, stand am Ende für die historisierende Variante nur noch eine Nachbildung aus Gipskarton zur Verfügung, die verständlicherweise nicht die Zustimmung des Landeskonservators fand. Somit galt die Stahlkonstruktion als beschlossen.

Danach musste alles sehr schnell gehen, wenn auch die Aufgabe alles andere als einfach war. Das „Magnetfeld“ des historischen Umfeldes erlaubte es kaum, die Formfindung als eine bloß technische Aufgabe anzugehen, und so wurde der Blick zunächst in die Vergangenheit gerichtet. Die erste Grundriss-Schnitt-Zeichnung entstand über Nacht (s. Plan des Verfassers auf der S. 137), und schaut man sich diese Zeichnung näher an, wird die edle Patenschaft von Deneux sichtbar. In äußerster Zeitnot wurde die Geometrie seines Dachstuhls vom Verfasser in der tschechischen Architekturzeitschrift „Styl“ (10) (wieder)gefunden und, wenn auch unter Verwendung eines anderen Materials, der Frankfurter Konstruktion zugrunde gelegt. In ihrer Einfachheit von drei Radien, vier Zirkelschlägen und zwei Geraden war sie nicht nur leicht zu konstruieren, sondern bedeutete auch eine Annäherung an die oben beschriebenen historischen Vorbilder. Der Vorschlag, ein Binder von 9 m Spannweite, 10 m Höhe und einer historischen Dachneigung von 64 Grad, wurde von den Genehmigungsgremien einmütig begrüßt und zur Ausführung freigegeben. Der eigentliche „Täter“, der alte und gute Deneux, blieb unerkannt.

 

Detailzeichnung des stählernen Dachstuhls
(Archiv des Verfassers)

 

Wie bei dem französischen Vorbild wurde auch hier an die Vorfertigung von kleinen Teilen gedacht, nur sollten diese aus 60 mm starkem Stahlblech geschnitten und miteinander zu einem „gotischen“ Binder verschraubt werden. Um die Leichtigkeit der Konstruktion zu betonen, ist der Binder als zweilagige Konstruktion angelegt, deren Glieder außerhalb der kurvenreichen Übergänge einen typischen Querschnitt von 60 x 100 mm aufweisen. Der durch die zwei Lagen entstehende Luftspalt von 60 mm Breite umschließt in vier Punkten die Auflager, außerhalb davon wird er durch runde Distanzscheiben auf Abstand gehalten. Die Verbindungen der Teile untereinander erfolgt oberflächenbündig über 20 mm breite Nasen, an die beidseitig je zwei 20 mm starke Knotenbleche angeschlossen sind.

Jeder der insgesamt 14 Binder ruht in vier Punkten auf einem Stahlbetonringanker, zweimal auf dessen Oberkante und zweimal an dessen Seite. Diese Punkte bestehen aus einer Grundplatte, auf der senkrecht ein 20 mm breites Schwert angeschweißt ist. Dieses ist mit einem ebenfalls aus 20 mm starken Blech geschweißten U-Stück umschlossen, das eine Bohrung für den 80 mm starken Lagerbolzen beinhaltet und auf dem Schwert mittels Langlocharretierung bewegt und justiert werden kann. Beide, Schwert und U-Stück, ergeben zusammen 60 mm, womit der bereits erwähnte 60 mm breite Luftspalt des Binders ausgefüllt wird. Die Lagerbolzen werden beidseitig durch Sprengringe gesichert. Von den insgesamt vier Lagerpunkten sind zwei als feste Lager und zwei als Gleitlager ausgebildet. Im Falle des Gleitlagers beinhaltet das U-Stück keine Rundbohrung, sondern ein Langloch. Durch die Anordnung der vier Festpunkte pro Binder ist jeder Binder bereits nach dem Versetzen kippsicher. Ein kraftschlüssiger Verbund aller Binder untereinander erfolgt über Pfetten aus Stahlwinkeln 200 x 100 x 10 mm und über mehrfache Diagonalverspannungen aus 16 mm starken Zugstangen.

 

Karmeliterkirche in Frankfurt/M: Auflegen der Binder auf den Stahlbetonringanker
(Archiv des Verfassers)

 

Die Konstruktion wirkte besonders während der Montage sehr filigran und ihre 140 Tonnen Gesamtgewicht konnte man ihr nur dann anmerken, wenn hin und wieder Kleinteile herunterfielen, um im Boden einen beachtlichen Krater zu hinterlassen. Getroffen wurde Gott sei Dank niemand, und so blieb die Freude ungetrübt, bei der Montage zuzuschauen, die trotz der zur Schau getragenen Todesverachtung der Monteure ohne unerwünschte Vorkommnisse vonstatten ging. Nach der Vollendung wurde das harmonische Zusammenwirken des Alten mit dem Neuen sichtbar. Das Fortschreiben der mittelalterlichen Ordnung mit neuen Mitteln wirkt ganz selbstverständlich und macht eine andere Alternative kaum denkbar.

 

Karmeliterkirche in Frankfurt/M: links der erste Plan des Verfassers, rechts zwei Aufnahmen des Interieurs
(Archiv des Verfassers)

 

Spätestens seit Viollet-le-Duc, der wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen das Entmaterialisierungsprinzip der Gotik in das industrielle Zeitalter transportierte, ist die Beziehung von Form und Konstruktion ein wiederkehrendes Thema. Seit der Baugeschichtsschreibung hat sich vieles bewegt. Die Stile (und später auch die Moden) wechselten, und manches, was den Zeitgenossen unumstößlich schien, wurde unwichtig, verworfen und vergessen. Eines war aber selten Gegenstand einer Revision und nie der Gefahr ausgesetzt, in Vergessenheit zu geraten: Die Leistungen der Konstrukteure und der konstruktiv begabten Architekten. Diese Leistungen sind wahrhaftig sichtbar gewordene Vernunft, und ihre Objektivität und Messbarkeit haben sie zeitlos und unsterblich gemacht. An ihnen haftet der Stempel der menschlichen Intelligenz, der noch nach vielen hundert Jahren und für viele künftige Generationen erkennbar bleibt. Sie zu studieren ist lohnenswert, denn die Gegenwart ist nicht nur die Vorstufe der Zukunft, sondern auch ein Produkt der Vergangenheit, die vieles verborgen hält, wonach wir oft vergebens und mit großem Energieaufwand mühsam suchen.

 

Anmerkungen

(1) Paulgerd Jesberg, Vom Bauen zwischen Gesetz und Freiheit, Verl. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig - Wiesbaden 1987, S. 46

(2) Reiner Dieckhoff, Vom Geist geistloser Zustände. Aspekte eines deutschen Jahrhunderts, in Hugo Borger (Hsg.), Der Kölner Dom im Jahrhundert seiner Vollendung, Bd. 2, Historische Museen der Stadt Köln 1980, S. 86

(3) Jan Pieper, Steinerne Bäume und künstliches Astwerk - die gotischen Theorien des James Hall (1761-1832), in Rainer Graefe (Hsg.), Zur Geschichte des Konstruierens, DVA Stuttgart 1989, S. 92-98

(4) Arthur Schopenhauer, Zur Aesthetik der Architektur, hier zitiert nach Schopenhauers Werke. Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, 3. Auflage, Verl. Phillip Reclam jr., Leipzig 1859, S. 490

(5) E. Brandt (Hsg.), Lehrbuch der Eisen-Konstruktionen mit besonderer Anwendung auf den Hochbau, Verl. Ernst & Korn, Berlin 1865, S. 372-377, sowie Ludwig Klasen (Hsg.), Handbuch der Hochbau-Construction in Eisen und anderen Metallen für Architekten, Ingenieure, Constructeure, Bau-Handwerker und technische Lehranstalten, Verl. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1876, S. 209-219

(6) Es wurde auch die Konstruktion eines Flugzeughangars von 52 m Spannweite erwogen. Vgl. Anm. (7), S. 175

(7) Pavel Janák, Konstrukce a její osudy - H. Deneux, Nový krov reme¹ské katedrály, in der Zeitschrift Styl. Èasopis pro architekturu, stavbu mìst a umìlecký prùmysl, Jg. VII. (XII.), Prag 1926-1927, S. 163-168 bzw. 168-175
Wie erfinderisch die von Deneux verwendete Konstruktion auch sein mag, wirklich neu ist sie nur in der Wahl des Materials Stahlbeton. Prinzipiell basiert sie auf der Erfindung des französischen Renaissancearchitekten Philibert Delorme (1510-1570), der in seinem 1561 erschienenen Buch „Nouvelles Inventions“ eine ähnliche Konstruktion aus Holz veröffentlichte. Vgl. Rainer Graefe, Die Bogendächer von Philibert de l´Orme, in Rainer Graefe (Hsg.), Zur Geschichte des Konstruierens, DVA Stuttgart 1989, S. 99-116, sowie auch Eckart Rüsch, Baukonstruktion zwischen Innovation und Scheitern. Verona, Langhans, Gilly und die Bohlendächer um 1800, Verl. Michael Imhof, Petersberg 1997

(8) Dr. Egon Warmers, Vom Berge Karmel zum Karmeliter- Hügel. Zur Geschichte der Karmeliterkirche Frankfurt am Main, in Museum für Vor- und Frühgeschichte Frankfurt am Main, Stadt Frankfurt/M 1989, S. 23-29

(9) Am Projekt von Josef Paul Kleihues haben sich beteiligt:
Mirko Baum (Bearbeiter des Wettbewerbsentwurfes und später Projektleiter seiner Realisierung)
sowie
Joachim Kleine Allekotte
Siobhán Ní Éanaigh
Holger Rübsamen
Herrmann Schmittmann
Günter Sunderhaus
Christoph Wissmann

(10) Wie Anm. (7)